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Kurzgeschichten und Prosa des Autors

Wie Europa zu seinem Namen kam

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Boetius 1650: Der Raub der Europa

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Wenn Elektra Schwanberg (aus Paradisienne, “Ewige Jugend”) die folgende Sage gekannt hätte, dann wäre sie wohl etwas vorsichtiger gewesen.

Gustav Benjamin Schwab: Europa

Im Lande Tyrus und Sidon erwuchs die Jungfrau Europa, die Tochter des Königs Agenor, in der tiefen Abgeschiedenheit des väterlichen Palastes. Zu dieser ward nachmitternächtlicherweile, wo untrügliche Träume die Sterblichen besuchen, ein seltsames Traumbild vom Himmel gesendet. Es kam ihr vor, als erschienen zwei Weltteile in Frauengestalt, Asien und der gegenüberliegende, und stritten um ihren Besitz. Die eine der Frauen hatte die Gestalt einer Fremden; die andere – und dies war Asien – glich an Aussehen und Gebärde einer Einheimischen. Diese wehrte sich mit zärtlichem Eifer für ihr Kind Europa, sprechend, daß sie es sei, welche die geliebte Tochter geboren und gesäugt hätte. Das fremde Weib aber umfaßte sie wie einen Raub mit gewaltigen Armen und zog sie mit sich fort, ohne daß Europa im Innern zu widerstreben vermochte. »Komm nur mit mir, Liebchen«, sprach die Fremde, »ich trage dich als Beute dem Ägiserschütterer Zeus entgegen; so ist dir’s vom Geschicke beschieden.« Mit klopfendem Herzen erwachte Europa und richtete sich vom Lager auf, denn das Nachtgesicht war hell wie ein Anblick des Tages gewesen. Lange Zeit saß sie unbeweglich aufrecht im Bette, vor sich hinstarrend, und vor ihren weit aufgetanen Augensternen standen noch die beiden Weiber. Erst spät öffneten sich ihre Lippen zum bangen Selbstgespräche: »Welcher Himmlische«, sprach sie, »hat mir diese Bilder zugeschickt? Was für wunderbare Träume haben mich aufgeschreckt, die ich im Vaterhause süß und sicher schlummerte? Wer war doch die Fremde, die ich im Traume gesehen? Welch eine wunderbare Sehnsucht nach ihr regt sich in meinem Herzen? Und wie ist sie selbst mir so liebreich entgegengekommen, und auch als sie mich gewaltsam entführte, mit welchem Mutterblicke hat sie mich angelächelt! Mögen die seligen Götter mir den Traum zum besten kehren!«

Der Morgen war herangekommen; der helle Tagesschein vermischte den nächtlichen Schimmer des Traumes aus der Seele der Jungfrau, und Europa erhub sich zu den Beschäftigungen und Freuden ihres jungfräulichen Lebens. Bald sammelten sich um sie ihre Altergenossinnen und Gespielinnen, Töchter der ersten Häuser, welche sie zu Chortänzen, Opfern und Lustgesängen zu begleiten pflegten. Auch jetzt kamen sie, ihre Herrin zu einem Gange nach den blumenreichen Wiesen des Meeres einzuladen, wo sich die Mädchen der Gegend scharenweise zu versammeln und am üppigen Wuchse der Blumen und am rauschenden Halle des Meeres zu erfreuen pflegten. Alle Mädchen führten einen Korb zum Blumensammeln in den Händen. Europa selbst trug einen goldenen Korb, geschmückt mit glänzenden Bildern aus der Göttersage; er war ein Werk des Hephaistos, ein uraltes Göttergeschenk des Erderschütterers Poseidon, das dieser der Libya geschenkt hatte, als er um sie warb. Aus ihrem Besitze war es von Hand zu Hand als Erbstück in das Haus des Agenor gekommen. Mit diesem Brautschmuck angetan, eilte die holdselige Europa an der Spitze ihrer Gespielinnen den Meereswiesen zu, die voll der buntesten Blumen standen. Jubelnd zerstreute sich die Schar der Mädchen da- und dorthin, jede suchte sich eine Blume auf, die nach ihrem Sinne war. Die eine pflückte die glänzende Narzisse, die andere wandte sich der Balsam ausströmenden Hyazinthe zu, eine dritte erwählte sich das sanfter duftende Veilchen, andern gefiel der gewürzige Quendel, wieder andere brachen den gelben, lockenden Krokus. So flogen die Gespielinnen hin und her; Europa aber hatte bald ihr Ziel gefunden, sie stand, wie unter den Grazien die schaumgeborne Liebesgöttin, alle ihre Genossinnen überragend, und hielt hoch in der Hand einen vollen Strauß von glühenden Rosen.

Als sie genug Blumen gesammelt, lagerten sich die Jungfrauen, ihre Fürstin in der Mitte, harmlos auf dem Rasen und fingen an, Kränze zu flechten, die sie, den Nymphen der Wiese zum Dank, an grünenden Bäumen aufhängen wollten. Aber nicht lange sollten sie ihren Sinn an den Blumen ergötzen, denn in das sorglose Jugendleben Europas griff unversehens das Schicksal ein, das ihr der Traum der verschwundenen Nacht geweissagt hatte. Zeus, der Kronide, war von den Geschossen der Liebesgöttin, die allein auch den unbezwungenen Göttervater zu besiegen vermochten, getroffen und von der Schönheit der jungen Europa ergriffen worden. Weil er aber den Zorn der eifersüchtigen Hera fürchtete, auch nicht hoffen durfte, den unschuldigen Sinn der Jungfrau zu betören, so sann der verschlagene Gott auf eine neue List. Er verwandelte seine Gestalt und wurde ein Stier. Aber welch ein Stier! Nicht, wie er auf gemeiner Wiese geht oder unters Joch gebeugt den schwerbeladenen Wagen zieht; nein, groß, herrlich von Gestalt, mit schwellenden Muskeln am Halse und vollen Wampen am Bug; seine Hörner waren zierlich und klein, wie von Händen gedrechselt, und durchsichtiger als reine Juwelen; goldgelb war die Farbe seines Leibes, nur mitten auf der Stirne schimmerte ein silberweißes Mal, dem gekrümmten Horne des wachsenden Mondes ähnlich; bläulichte, von Verlangen funkelnde Augen rollten ihm im Kopfe.

Ehe Zeus diese Verwandlung mit sich vornahm, rief er zu sich auf den Olymp den Hermes und sprach, ohne ihm etwas von seinen Absichten zu enthüllen: »Spute dich, lieber Sohn, getreuer Vollbringer meiner Befehle! Siehst du dort unten das Land, das links zu uns emporblickt? Es ist Phönizien; dieses betritt und treibe mir das Vieh des Königes Agenor, das du auf den Bergtriften weidend finden wirst, gegen das Meeresufer hinab.« In wenigen Augenblicken war der geflügelte Gott, dem Winke seines Vaters gehorsam, auf der sidonischen Bergweide angekommen und trieb die Herde des Königes, unter die sich auch, ohne daß Hermes es geahnt hätte, der verwandelte Zeus als Stier gemischt hatte, vom Berge herab nach dem angewiesenen Strande, eben auf jene Wiesen, wo die Tochter Agenors, von lyrischen Jungfrauen umringt, sorglos mit Blumen tändelte. Die übrige Herde nun zerstreute sich über die Wiesen ferne von den Mädchen; nur der schöne Stier, in welchem der Gott verborgen war, näherte sich dem Rasenhügel, auf welchem Europa mit ihren Gespielinnen saß. Schmuck wandelte er im üppigen Grase einher, über seiner Stirne schwebte kein Drohen, sein funkelndes Auge flößte keine Furcht ein, sein ganzes Aussehen war voll Sanftmut. Europa und ihre Jungfrauen bewunderten die edle Gestalt des Tieres und seine friedlichen Gebärden, ja sie bekamen Lust, ihn recht in der Nähe zu besehen und ihm den schimmernden Rücken zu streicheln. Der Stier schien dies zu merken, denn er kam immer näher und stellte sich endlich dicht vor Europa hin. Diese sprang auf und wich anfangs einige Schritte zurück; als aber das Tier sogar zahm stehenblieb, faßte sie sich ein Herz, näherte sich wieder und hielt ihm ihren Blumenstrauß vor das schäumende Maul, aus dem sie ein ambrosisches Atem anwehte. Der Stier leckte schmeichelnd die dargebotenen Blumen und die zarte Jungfrauenhand, die ihm den Schaum abwischte und ihn liebreich zu streicheln begann. Immer reizender kam der herrliche Stier der Jungfrau vor, ja sie wagte es und drückte einen Kuß auf seine glänzende Stirne. Da ließ das Tier ein freudiges Brüllen hören, nicht wie andere gemeine Stiere brüllen, sondern es tönte wie der Klang einer lydischen Flöte, die ein Bergtal durchhallt. Dann kauerte es sich zu den Füßen der schönen Fürstin nieder, blickte sie sehnsüchtig an, wandte ihr den Nacken zu und zeigte ihr den breiten Rücken. Da sprach Europa zu ihren Freundinnen, den Jungfrauen: »Kommt doch auch näher, liebe Gespielinnen, daß wir uns auf den Rücken dieses schönen Stieres setzen und unsere Lust haben; ich glaube, er könnte unserer viere aufnehmen und beherbergen. Er ist so zahm und sanftmütig anzuschauen, so holdselig; er gleicht gar nicht anderen Stieren; wahrhaftig, er hat Verstand wie ein Mensch, und es fehlt ihm gar nichts als die Rede!« Mit diesen Worten nahm sie ihren Gespielinnen die Kränze, einen nach dem andern, aus den Händen und behängte damit die gesenkten Hörner des Stieres, dann schwang sie sich lächelnd auf seinen Rücken, während ihre Freundinnen zaudernd und unschlüssig zusahen.

Der Stier aber, als er die geraubt, die er gewollt hatte, sprang vom Boden auf. Anfangs ging er ganz sachte mit der Jungfrau davon, doch so, daß ihre Genossinnen nicht gleichen Schritt mit seinem Gange halten konnten. Als er die Wiesen im Rücken und den kahlen Strand vor sich hatte, verdoppelte er seinen Lauf und glich nun nicht mehr einem trabenden Stiere, sondern einem fliegenden Roß. Und ehe sich Europa besinnen konnte, war er mit einem Satz ins Meer gesprungen und schwamm mit seiner Beute dahin. Die Jungfrau hielt mit der Rechten eins seiner Hörner umklammert, mit der Linken stützte sie sich auf den Rücken; in ihre Gewänder blies der Wind wie ein Segel; ängstlich blickte sie nach dem verlassenen Lande zurück und rief umsonst den Gespielinnen; das Wasser umwallte den segelnden Stier, und seine hüpfenden Wellen scheuend, zog sie furchtsam die Fersen hinauf Aber das Tier schwamm dahin wie ein Schiff; bald war das Ufer verschwunden, die Sonne untergegangen, und im Helldunkel der Nacht sah die unglückliche Jungfrau nichts um sich her als Wogen und Gestirne. So ging es fort, auch als der Morgen kam; den ganzen Tag schwamm sie auf dem Tiere durch die unendliche Flut dahin; doch wußte dieses so geschickt die Wellen zu durchschneiden, daß kein Tropfen seine geliebte Beute benetzte. Endlich gegen Abend erreichten sie ein fernes Ufer. Der Stier schwang sich ans Land, ließ die Jungfrau unter einem gewölbten Baume sanft vom Rücken gleiten und verschwand vor ihren Blicken. An seine Stelle trat ein herrlicher, göttergleicher Mann, der ihr erklärte, daß er der Beherrscher der Insel Kreta sei und sie schützen werde, wenn er durch ihren Besitz beglückt würde. Europa in ihrer trostlosen Verlassenheit reichte ihm ihre Hand als Zeichen der Einwilligung; und Zeus hatte das Ziel seiner Wünsche erreicht.

Aus langer Betäubung erwachte Europa, als schon die Morgensonne am Himmel stand. Sie fand sich einsam, sah mit verirrten Blicken um sich her, als wollte sie die Heimat suchen. »Vater, Vater!« rief sie mit durchdringendem Wehelaut, besann sich eine Weile und rief wieder: »Ich verworfene Tochter, wie darf ich den Vaternamen nur aussprechen? Welcher Wahnsinn hat mich die Kindesliebe vergessen lassen!« Dann sah sie wieder, wie sich besinnend, umher und fragte sich selbst: »Woher, wohin bin ich gekommen? – Zu leicht ist ein Tod für die Schuld der Jungfrau! Aber wache ich denn auch und beweine einen wirklichen Schimpf? Nein, ich bin gewiß unschuldig an allem, und es neckt meinen Geist nur ein nichtiges Traumbild, das der Morgenschlaf wieder entführen wird! Wie wäre es auch möglich, daß ich mich hätte entschließen können, lieber auf dem Rücken eines Untieres durch unendliche Fluten zu schwimmen, als in holder Sicherheit frische Blumen zu pflücken!« – So sprach sie und fuhr mit der flachen Hand über die Augenlider, als wollte sie den verhaßten Traum verwischen. Als sie aber um sich blickte, blieben die fremden Gegenstände unverrückt vor ihren Augen; unbekannte Bäume und Felsen umgaben sie, und eine unheimliche Meeresflut schäumte, an starren Klippen sich brechend, empor am niegeschauten Gestade. »Ach, wer mir jetzt den Stier auslieferte«, rief sie verzweifelnd, »wie wollte ich ihn zerfleischen; nicht ruhen wollte ich, bis ich die Hörner des Ungeheuers zerbrochen, das mir jüngst noch so liebenswürdig erschien! Eitler Wunsch! Nachdem ich schamlos die Heimat verlassen, was bleibt mir übrig als zu sterben? Wenn mich nicht alle Götter verlassen haben, so sendet mir, ihr Himmlischen, einen Löwen, einen Tiger! Vielleicht reizt sie die Fülle meiner Schönheit, und ich muß nicht warten, bis der entsetzliche Hunger an diesen blühenden Wangen zehrt!« Aber kein wildes Tier erschien; lächelnd und friedlich lag die fremde Gegend vor ihr, und vom unumwölkten Himmel leuchtete die Sonne. Wie von Furien bestürmt, sprang die verlassene Jungfrau auf »Elende Europa«, rief sie, »hörst du nicht die Stimme deines abwesenden Vaters, der dich verflucht, wenn du deinem schimpflichen Leben nicht ein Ende machst! Zeigt er dir nicht jene Esche, an welche du dich mit deinem Gürtel aufhängen kannst? Deutet er nicht hin auf jenes spitze Felsgestein, von welchem herab dich ein Sprung in den Sturm der Meeresflut begraben wird? Oder willst du lieber einem Barbarenfürsten als Nebenweib dienen und als Sklavin von Tag zu Tag die zugeteilte Wolle abspannen, du, eines hohen Königes Tochter?« So quälte sich das unglückliche verlassene Mädchen mit Todesgedanken und fühlte doch nicht den Mut in sich, zu sterben. Da vernahm sie plötzlich ein heimliches spottendes Flüstern hinter sich, glaubte sich belauscht und blickte erschrocken rückwärts. In überirdischem Glanze sah sie da die Göttin Aphrodite vor sich stehen, ihren kleinen Sohn, den Liebesgott, mit gesenktem Bogen zur Seite. Noch schwebte ein Lächeln auf den Lippen der Göttin, dann sprach sie: »Laß deinen Zorn und Hader, schönes Mädchen! Der verhaßte Stier wird kommen und dir die Hörner zum Zerreißen darreichen; ich bin es, die dir im väterlichen Hause jenen Traum gesendet. Tröste dich, Europa! Zeus ist es, der dich geraubt hat; du bist die irdische Gattin des unbesiegten Gottes; unsterblich wird dein Name werden, denn der fremde Weltteil, der dich aufgenommen hat, heißt hinfort Europa!«

Die schönsten Sagen des klassischen Altertums

Der Weg ins Licht

Weg ins Licht

Foto: KS

(Link auf eine 1107 x 719 Pixel Version des obigen Bildes)

Beim Spaziergang heute schoss ich ein Foto. Ich nenne es “Der Weg ins Licht”.
Ein Spazierweg führt geradeaus durch einen wie von Tubenfarben betupften Wald direkt ins Licht. Familien auf ihrem Sonntagsspaziergang knistern durchs Laub. Die Würze des Herbstes kitzelt in meiner Nase. Der Jahreszyklus geht Schritt für Schritt zu Ende. Und doch fühle ich ein Urvertrauen auf das Leben, auf die Welt, auf das Universum. Es ist ein Vertrauen darauf, dass dem Ende mit Macht ein neuer Anfang folgt. Der Anfang eines neuen Jahres, eines neuen Weges, eines Weges ins Licht.

Die Zeit des Fortschritts

Nürnberger Bahnhof - Blechspielzeug d. Fa. Carette um 1900

Foto: KS

„Vielleicht kommt sie heute wieder zurück“ denkt Wilhelm Huber Bahnhofsvorsteher in Nürnberg. „Es ist doch so schön im ersten Stock des neuen Bahnhofs“, wo die Dienstwohnung liegt. „Auch von außen, mit den neuen Gardinen sieht alles stattlich aus“.
Vor drei Wochen war Elfriede, seine Frau mit seinen beiden Kindern Hans und Heinrich zu ihrer Mutter nach Fürth gefahren.
„Vielleicht kommt sie heute zurück. Sie hätte ja auch telegrafieren können, wann sie wieder kommt. Schließlich ist nicht mehr 1835 als Großvater mit der ersten deutschen Eisenbahn nach Fürth fuhr. Nein, damals gab es noch keine Telegrafie. Aber heute ist das anders, moderner, die Zeit des Fortschritts! Schließlich schreibt man das Jahr anno domini 1898“. Huber nestelt an der Kette zu seiner Taschenuhr. „Vielleicht kommt sie heute“.
Man sieht ihm schon von weitem die Respektsperson an, wie er so auf dem Bahnsteig vor dem Wartesaal der ersten Klasse steht, im schwarzen Anzug mit Zylinder, mit der linken Hand den Kaiser-Wilhelm-Bart zwirbelnd und mit der rechten die Zeit auf der Taschenuhr kontrollierend.
„Irgend etwas stimmt nicht. Der 2:00 Uhr Schnellzug, mit den neuen modernen Personenwagen der bayerischen Staatsbahn müsste schon längst da sein!“ Huber schaut zum Giebel hoch, die Bahnhofsuhr unter die Rad mit den Flügeln zeigt erst fünf vor zwei an, obwohl seine Taschenuhr schon fünf nach zwei hat. „Vielleicht kommt sie gleich?“
„Stattlich sieht der Bahnhof aus! Ja, das war gut, die Nürnberger Patrizierhäuser als Vorlage für den Neubau des Bahnhofs zu nehmen. Die gotischen Fenster, die Erker mit den Spitztürmchen und den Kugeln drauf, die ornamentartigen Schrägen zum Dach und das Glöckchen ganz oben, alles zeugt von Wohlstand und Reichtum. Jetzt müsste er aber kommen, der Zug mit der Elfriede und den Kindern. Wenn nur nicht diese Ungewissheit wäre, kommt sie vielleicht gar nicht?“
Man hört schon die Pfeife des einlaufenden Schnellzugs, das Zischen des Dampfs, das Rollen der Eisenräder über die Nahtstellen der Schienen, das Stampfen der Lokomotive und dann das Quietschen der Bremsen. „Vielleicht ist sie im Zug. Aber was ist, wenn sie nicht kommt?“.
Huber kann es kaum erwarten, er eilt, er stolpert fast zum Abteil der ersten Klasse. „Himmel, lass sie heute ankommen!“.
Zahlreiche Reisende steigen aus dem Zug, erst einfache Landfrauen mit Körben, dann Bürgerinnen mit weit ausladenden, federgeschmückten Hüten, schließlich seriöse Herren in Nadelstreifen und Zylinder.
„Ich kann sie nicht sehen!“, denkt Huber. „Wie soll ich das noch aushalten, ohne meine Elfriede? Es ist wirklich zum Verzweifeln!“
Und dann sieht er sie. Würdevoll, gemessenen, stolzen Schrittes in ihrem langen, bis zu den Schuhen gehenden braunen Kleid mit weißen Rüschen, hinter zwei Kindern in Matrosenanzügen, steigt sie die Treppe des Wagens hinunter.
Huber ist zur Stelle, der Zylinder ein wenig nach hinten gerutscht. Beinahe hätte er seine Würde vergessen und sie in aller Öffentlichkeit umarmt. So kommt nur ein Seufzer aus seinem Herzen und ein glückliches Lächeln macht sich breit: „Gott sei Dank, dass du wieder da bist, nach drei langen Wochen! – Du glaubst gar nicht, was passiert ist. Die Zugehfrau hat gekündigt. In unserer Küche türmen sich Berge an schmutzigem Geschirr!“

Spiritus sanctus

Spiritus-Lokomotive der Firma Schoenner um 1900

Foto: KS

„Und der Spiritus kann das Schwungrad antreiben?“ Julius ist ungeduldig, während Mutter und Vater erst mal gemeinsam „Vom Himmel hoch da komm ich her“ singen möchten, kann Julius es kaum erwarten bis Vater hilft sein Weihnachtsgeschenk, die Kraftlok, mit richtigem Spiritus auszuprobieren. Lebkuchen, Äpfel und Nüsse duften so verlockend, dass der Bauch vor Freude hüpft, während alle drei um den Gabentisch sitzen. „Dieses Jahr ist ein gutes Jahr“, sagt Vater, „ihr seht es an den wertvollen Geschenken“.
Der Schienenkreis unter der frisch nach Wald riechenden Tanne, mit ihren Strohsternen, den Äpfeln aus Pappmache und dem Engelshaar, ist bereits ausgelegt, um die spiritusbetriebene Kraftlok aufzunehmen. „Papa, wie kann der Spiritus das Schwungrad antreiben?“ fragt Julius.
Die brennenden Wachskerzen verbreiten einen süßen Honigduft. Der Lichtschein spiegelt sich in freudig erwartungsvollen Gesichtern von Vater und Sohn, und der Vater hilft endlich die Kraftlok mit Spiritus in Gang zu setzen. „Wasser brauchen wir auch“, meint Vater, „ein Schnapsglas voll Spiritus, zwei vom Wasser. Den Spiritus in den Brenner, das Wasser in den Kessel“. Julius beobachtet alles genau. „Und der Spiritus dreht das Schwungrad?“, fragt er ungläubig. „Wart es ab Julius, ich zünde zuerst den Docht an, dann warten wir fünf Minuten und du wirst schon sehen, wie dann der Spiritus das Schwungrad und die Lok antreibt.“
Der Spiritusbrenner arbeitet mit leisem Knistern und Zischen. Von Minute zu Minute wurde das Zischen stärker. Ein leichtes Bollern ist zu hören, Dampf strömt aus dem Führerhaus. Das Bollern wird stärker, die Kraftlok fängt erst an zu ruckeln und nach einer weiteren Minute gibt es einen kräftigen Ruck und sie setzt sich in Bewegung. Erst langsam, dann schneller, dann noch schneller. „Sie fährt, sie fährt, schau mal!“, Julius kann seine Begeisterung nicht mehr zurückhalten.
Es riecht auf einmal wie in der Waschküche eines Krankenhauses, Spiritus tropfte aus dem Brenner auf das Parkett und verdunstet, der Abdampf aus dem Zylinder lässt die Luft feucht werden. Julius sieht es zuerst. Zwischen den Schienen züngeln bläuliche Flammen im ganzen Schienenkreis. „Ist das der Spiritus, Papa?“ “Heiliger Geist, Spiritus sanctus“, stöhnt der Vater. Blitzschnell zieht er die Tischdecke vom Gabentisch. Äpfel, Lebkuchen, Nüsse, Geschenke, alles purzelt und poltert zu Boden. Die Tischdecke an zwei Enden fassend, mit Schwung so dass sie sich schon in der Luft ausbreitet, deckt der Vater den Schienenkreis zu. Während die Flammen verlöschen, liegt die Kraftlok in den letzten Zuckungen. Von der Decke geschützt greift der Vater nach ihr und hält sie fest, bis sie sich beruhigt hat.
Eine Stunde später sitzt die Familie wieder um den Gabentisch. „Heut habe ich gesehen wie der Spiritus das Schwungrad bewegt“, sagt Julius. Und ich hab den heiligen Geist angefleht, sagt Mutter. „Spiritus sanctus“ murmelt der Vater immer noch bleich von dem unvergesslichen Weihnachtserlebnis.